Hannibal: Eine Geschichte in Folgen



Advent 2010: Hanibal intra portas

Ich komme, werde geliebt und erobere die Stadt. Mich begleiten keine Heerscharen, ich habe keine Elefanten und überquere nicht mühevoll die Alpen, noch musste ich bei Zela Pharnakes ausstechen, um die Gunst der Züricher zu erobern.

 

Noch sind es übergrosse Plakate, welche von mir künden. Vergesst nicht, ich bin noch kein Jahr alt. Bin ich erst gross und kräftig, so werde ich in Zürich persönlich für Aufregung sorgen, Aufregung der angenehmen Art.


10. Oktober 2010





Ready, Steady, Go


Gwen gilt es im Auge zu behalten. Sie kann ein guter Kumpel sein, Möchte ich aber einen kleinen Abstecher in den Blumengarten machen - man muss sich ja weiter bilden - schon steht sie da und mustert mich mit scharfem Blick. Ich versuche dann so zu tun, als sei ich rein zufällig hier. Sie lässt mich aber nicht mehr aus den Augen. Schlendere ich dann noch ein paar Schritte näher zur Blumenpracht, so schiesst sie plötzlich los, schneidet mir den Weg ab und treibt mich zurück zur Herde.


20. Juli 2010



Die Photographen an der Arbeit




Frühmorgentliche Dusche

Heute waren zwei Photographen hier, die Schönheit zu schätzen wissen. Mich haben sie als Photomodell entdeckt. Ich musste früh aufstehen und erst einmal unter die Dusche. Waschen ist überflüssig, doch wenn das Wasser schön warm ist und ich danach gut abgetrocknet werde, so lasse ich auch das über mich ergehen. Schliesslich bin ich ja Profi.

 

Dann kamen die beiden Herren auch schon angefahren. Die hatten wohl etwas Angst vor mir, versteckten sie sich doch laufend hinter einem Kasten mit langem Rohr. Mir konnte es egal sein. Mich interessierten mehr die saftigen Kräuter. Erstaunlich wie einfach Photographen gestrickt sind: Kaum hob ich kurz den Kopf, schon waren sie glücklich. Am guten Futter zeigten sie gar kein Interesse.

 

In der Vorweihnachtszeit wird man mein Bild in der Züricher Bahnhofstrasse finden. Wann und wo verrate ich noch nicht. Auf den Ersten, welcher mir ein Bild von der Werbung zuschickt, die ich dominiere, wartet eine Überraschung: hannibal (at) cashmere-garden.ch

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24. Juni 2010



Wideralp 2010

Alpfahrt: Ich muss zu Hause bleiben, zusammen mit den Böcken, zwei altersschwachen Tanten und den Pfüdis. Sie behaupten, ich sei noch zu jung und deshalb den Anforderungen nicht gewachsen. So ein Blödsinn. Luna konnte schliesslich auch auf die grosse Fahrt. Die kann doch nicht viel mehr als schreien und fressen. Wenn die nur den Anschluss an die Herde nicht verliert.

 

Nächstes Jahr lasse ich mich nicht mehr so einfach abschütteln. Ich werde mit den andern über die Felsen klettern und suche nach den würzigsten Kräutern. Dann zeige ich der vorwitzigen Luna, was der Hannibal alles kann.

 

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20. Mai 2010



Blau auf Weiss und Weiss auf Blau.

Warum ist mein Hinterteil blau wie der Himmel?

Gestern hatte ich eine grosse Operation. Der Tierarzt kam mit einer Gehilfin und ich wurde narkotisiert. Während ich träumte haben sie mich blutig kastriert: mir meine Samenstränge abgebunden und meine Hoden entfernt.

Wenn ich gross bin, werde ich also ein Kastrat sein und kein Bock. Schlecht finde ich, dass meine Hörner nie so gross werden, wie die von meinem Vater Unbekannt, aber gut finde ich, dass ich mit meinem Duft niemanden in die Flucht schlagen werde. Auch werde ich einmal grösser sein, als die richtigen Böcke und das gefällt mir, das passt zu einer schönen Packgeiss.

Nun die blaue Farbe an meinem Hinterteil, die kommt aus dem Antibiotikaspray und hilft verhindern, dass sich mein Hodensack infisziert.

Wow, habe ich nicht schon viele Fremdwörter kennen gelernt?

 

 

 

 

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11. Mai 2010



Was kriecht denn hier vor meiner Nase?

Colin hat mit mir heute das erste Mal für später geübt. Ich soll ihm vom Stofel in die Bitzi folgen und nach dem Schopen mit vollem Bauch wieder zurück. Für diesen Weg benötigen wir beide mehr als 10 Minuten.

Ohne mich ist Colin schneller. Soll er doch laufen. Hier gibt es so viel zu entdecken: Krabbelnde Käfer und schmackhafte Kräuter sind doch klar interessanter.




Hannibal! Noch habe ich Geduld.

Habe ich dann was hübsches entdeckt, so spurtet Gwen plötzlich wie eine Rakete auf mich los. Obwohl Gwen zu mir als Kleiner nachsichtig ist und mich höchstens mit der Schnauze schubst, bringe ich mich doch lieber bei Colin in Sicherheit, laufe ihm entgegen und mit ihm weiter, bis zur nächsten Entdeckung. Ist er blind, dass er für all das Neue und allenfalls Schmackhafte kein Auge hat?

 

 

 

 

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6. Mai 2010



Im neuen Stall ist noch vieles unbekannt.

Mit meinen zwanzig Gespanen, den Tanten und sechs imposanten Kastraten bin ich in den neu hergerichteten Stall im Stoffel umgezogen. Beni hat den Stall für uns extra neu möbeliert, da wir jetzt eine so grosse Ziegenherde sind. Unsere Nachbarn im Stofel sind die mächtigen Kaschmirböcke. Wer von ihnen mein Vater ist, dies habe ich noch nicht herausgefunden.

Weil meine junge Mutter selber noch wachsen muss und sich nicht so sehr um mich kümmern kann, bin ich froh, einen neuen Freund gefunden zu haben. Er heisst Colin und kommt oft aus Zürich zu mir. Mit Colin kann ich kuscheln und spielen, wie ich es von meiner Mutter gewohnt bin. Gwen schaut interessiert zu, doch ihre Spiele sind nicht meine.

 

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8. April 2010



Mit vollem Bauch liegt es sich gut.

Steht Andrea in der Stalltüre und ruft meinen Namen, so springe ich zu ihr und folge ihr hüpfend in die Küche. Dort bekomme ich meinen Schoppen Milch.

Doch heute war es leicht anders als sonst: Sie hat mich auf ihren Schoss gehoben und mir etwas grosses gelbes in mein Ohr geklipst. Sie sagt es sei meine Ohrmarke. Jede Ziege müsse eine solche Marke mit einer Nummer der Tierverkehrsdatenbank im Ohr tragen.

Na ja, für einen kurzen Moment hat mich das setzen der Ohrmarke geschmerzt, aber dann bekam ich meinen Schoppen und schon war die Ohrmarke vergessen.

 

 

 

 

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30. März 2010



He du, siehst nicht, ich hab Hunger!

Ich bin Hannibal. Am 24. März habe ich mit meiner Geburt alle überrascht.

Ich bin ein Nachzügler und Stephan behauptet, ich sei ein Betriebsunfall. Meine Mutter ist ein Teenager und selber noch am wachsen. Deshalb bekomme ich entweder von Stephan oder von Andrea täglich vier Milchschoppen.

Andrea hat beschlossen, mich zur Packziege, zu ihrer Packgeiss zu schulen. Ich weiss nicht, was das ist, aber ich geniese die viele Aufmerksamkeit, die mir geschenkt wird.

Alle Leute, die auf unseren Hof kommen, sagen, ich sei süss!

 

 

 

 

 

 

 

 

 





Jonas Wagner, ITos GmbH