Lydia

Auf einer Anhöhe stand ein Mädchen, ziemlich in der gleichen grösse wie die Angerufene, blond und rund, während Lydia braun und schmal war. Unwillig über die Störung wandte Lydia den Kopf. "Was ist?" - Hilf mir doch, die Geissen sind mir zu Elsbeth, kam's weinerlich zurück.

 

"Hättest halt besser aufpassen sollen", entgegnete Lydia schnippisch, "meinst gewiss, ich hole sie dir, damit mich die Elsbeth wieder wacker anschnauzen kann." Im selben Augenblick ertönte von der Scheune her ein kurzer, scharfer Pfiff.

 

"Jesses der Vater", entfuhr es den beiden Mädchen, und schon erscholl eine herrische Stimme: "Wollt ihr sofort die Geissen holen, oder muss ich euch Beine machen?" - "Komm, wir gehen unter dem Hügel durch", schlug Lydia vor, "da sieht uns der Vater nicht", und im Hui setzen sich zwei paar nackte Beine in Bewegung, und Schürzenzipfel und Zöpfe flogen. Beim Lattenzaun, der die beiden Güter trennte, angelangt, hielten sie atemlos inne und späten umher. "Wo sind jetzt die Geissen?"

 

Anny zog die Geschwister durch den Gatter, "schau, dort neben dem Haus ist der Cäsar, die Geissen sind gewiss hinter dem Haus."

 

"Wohl, das wird wieder gut", jammerte Lydia, "die Elsbeth wird wohl - heilliger Bim-Bam, dort ist sie ja, schau, wie sie dreinschaut, sie ist sauwild, wenn wir nur umkehren dürften."

 

Doch das Umkehren verging den beiden, denn die gefürchtete Nachbarin drohte, sofort zu Vater zu gehen, wenn sie nicht augenblicklich die Geissen holten und in Zukunft besser hüteten. Mit hochroten Köpfen schossen die beiden davon un trieben die Missetäter heimwärts. "Der Bock ist ja noch da", rief die aufgebrachte Frau.

 

"Der kommt dann schon, lassen sie ihn nur machen", rief Lydia über die Achsel zurück; sie wusste gut genug, warum sie ihn machen liess.

 

"Ja, das wäre noch schöner", räsonierte die dicke, kleine Frau, sie kannte zwar die Grillen des Cäsar, aber fort musste er trotzdem, und zwar sofort.

 

Wohl wagte sie sich nicht zu nahe an den stolzen Ziegenvater heran; ein paar Meter von ihm entfernt schlug sie mit dem mächtigen Stock auf den Boden: "Sch, sch, sch, du freches Stinktier, mach das du fort kommst!"

 

Der Ziegenbock, ein Rassentier seines Stammes, hielt es unter seiner Würde, auf beide Aufforderungen zu reagieren, ruhig frass er weiter, aber doch nicht, ohne vorsichtig nach seiner Widersacherin zu schielen.

 

Kampfesmutig wagte die Frau einen weiteren Vorstoss; sie hob den langen Stecken, um dreinzuschlagen; ein kurzes zorniges Meckern, der gewaltige Bock schob siech auf die Hinterfüsse, und die erschreckte Frau suchte mit erstaunlicher Schnelligkeit Schutz hinter einem Baum. Aber der Bock war zu empört, um gleich von seiner Friedensstörerin abzulassen, zwei-, dreimal wiederholte er das gleiche Manöver, immer um den Baum herum, und die Lydia, die das sah, bekam nur noch Angst. Schnell lieft sie zurück. "Komm, Cäsar komm!" Sie stellte sich fast unmittelbar vor den erzürnten Bock und lenkte so seine Aufmerksamkeit auf sich.

 

Freilich ging es auch bei ihr nicht ohne Kampf ab; aber sie war flink, eine rasche Drehung, ein kräftiger Hieb auf den Rücken des widerspenstigen Tieres, dann ein kurzes zorniges Meckern, und mit mächtigen Sprüngen und fliegender Mähne jagte er seinen Weibern nach.

 

"Die Elsbeth wird wohl in Zukunft den Bock in Ruhe lassen", kicherte Lydia, als sie die Schwester erreicht hatte, "ich bin fast zerplatzt vor Lachen, die kann noch springen, wenn's pressiert. Komm wir jagen die Geissen unter dem Hügel durch in die untere Wiese", schlug Anny vor, "dann hüten wir beieinander." Als sie an den Platz kamen, wo Lydia vor einer Viertelstunde so gemütlich gesessen, war keine einzige Geiss mehr zu sehen, und die Kühe weideten friedlich wie zuvor.

 

"So, da siehst du's" - Lydia war dem Weinen nahe -, "alles ist fort, und du bist schuld." - "Ich helf' dir ja", beschwichtigte Anny.

 

"Ja, sieh, hier im Hag haben sie wieder ein Loch gemacht." Still und vorsichtig, damit es vom zweiten Nachbarn auch nicht noch Rüffel absetze, treiben sie die naschhaften Tiere zurück, und bald sasen die geplagten Hirtinnen einträchtig bei der ruhig weidenden Herde.

 

 

F. Hartmann(um 1960): Lydia, Ein Volksroman; Hans Feuz Verlag, Bern; S. 7ff.





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