Der arme Mann im Toggenburg

Der Geissbube

 

»Jaja!« sagte jetzt eines Tags mein Vater, »der Bub wächst, wenn er nur nicht so ein Narr wäre, ein verzweifelter Lappe; auch gar kein Hirn. Sobald er an die Arbeit muss, weiß er nicht mehr, was er tut. Aber von nun an muss er mir die Geißen hüten, so kann ich den Geißbub abschaffen.« - »Ach!« sagte meine Mutter, »so kommst du um Geißen und Bub! Nein! Er ist noch zu jung.« - »Was jung?« sagte der Vater, »ich will es drauf wagen, er lernt's nie jünger, die Geißen werden ihn schon lehren; sie sind oft witziger als die Buben. Ich weiß sonst doch nichts mit ihm anzufangen.«

 

Mutter: »Ach! was wird mir das für Sorg' und Kummer machen. Sinn' ihm auch nach! Einen so jungen Bub mit einem Fasel Geißen in den wilden einöden Kohlwald schicken, wo ihm weder Steg noch Weg bekannt sind und es so grässliche Töbler hat. Und wer weiß, was für Tier sich dort aufhalten und was für schreckliches Wetter einfallen kann. Denk' doch, eine ganze Stund' weit! Und bei Donner und Hagel, oder wenn sonst die Nacht einfällt, nie wissen, wo er ist. Das ist mein Tod, und du musst's verantworten.«

 

Ich: »Nein, nein, Mutter! Ich will schon Sorg' haben und kann ja dreinschlagen, wenn ein Tier kommt, und vorm Wetter untern Felsen kreuchen und, wenn's nachtet, heimfahren, und die Geißen will ich, was gilt's, schon paschgen.«

 

Vater: »Hörst' jetzt! Eine Woche musst' mir erst mit dem Geißbub gehen. Dann gib wohl Achtung, wie er's macht, wie er die Geißen alle heißt und ihnen lockt und pfeift, wo er durchfahrt und wo sie die beste Weid' finden.«

 

»Jaja!« sagt' ich, sprang hoch auf und dacht': Im Kohlwald, da bist du frei, da wird dir der Vater nicht immer pfeifen und dich von einer Arbeit zur andern jagen. Ich ging also etliche Tag' mit unserm Beckle hin, so hieß der Bub, ein rauher, wilder, aber doch ehrlicher Bursche. Denkt doch! Er stund eines Tags wegen einer Mordtat im Verdacht, da man eine alte Frau, welche wahrscheinlich über einen Felsen hinunterstürzte, auf der Kreutzegg tot gefunden. Der Amtsdiener holte ihn aus dem Bett nach Lichtensteig. Man merkte aber bald, dass er ganz unschuldig war, und er kam zu meiner großen Freud' noch denselben Abend wieder heim.

 

Nun trat ich mein neues Ehrenamt an. Der Vater wollte zwar den Beckle als Knecht behalten, aber die Arbeit war ihm zu streng, und er nahm im Frieden seinen Abschied.

 

Anfangs wollten mir die Geißen, deren ich bis dreißig Stück hatte, kein gut tun; das machte mich wild, und ich versucht' es, ihnen mit Steinen und Prügeln den Meister zu zeigen, aber sie zeigten ihn mir; ich musste also die glatten Wort' und das Streicheln und Schmeicheln zur Hand nehmen. Da taten sie, was ich wollte. Auf die vorige Art hingegen verscheucht' ich sie so, dass ich oft nicht mehr wusste, was anfangen, wenn sie alle ins Holz und Gesträuch liefen und ich meist rundum keine einzige mehr erblicken konnte, halbe Tage herumlaufen, pfeifen und johlen, sie an den Galgen verwünschen, brüllen und lamentieren musste, bis ich sie wieder beieinander hatte.

 

Wohin und wie lang

 

Drei Jahre hatte ich so meine Herde gehütet; sie ward immer größer, zuletzt über hundert Köpf', mir immer lieber und ich ihnen. Im Herbst und Frühling fuhren wir auf die benachbarten Berge, oft bis zwei Stunden weit. Im Sommer hingegen durft' ich nirgends hüten als im Kohlwald, eine mehr als Stund weite Wüstenei, wo kein recht Stück Vieh weiden kann. Dann ging's zur Aueralp, zum Kloster St. Maria gehörig, lauter Wald, oder dann Kohlplätz und Gesträuch, manches dunkle Tobel und steile Felswand, an denen noch die beste Geißweid' zu finden war. Von unserm Dreyschlatt weg hatt' ich alle Morgen eine Stund' Wegs zu fahren, eh' ich nur ein Tier durfte anbeißen lassen; erst durch unsre Viehweid', dann durch einen großen Wald, immer weiter, in die Kreuz und Quere, bald durch diese, bald durch jene Abteilung der Gegend, deren jede ich mit einem eigenen Namen taufte. Da hieß es im vordern Boden, dort zwischen den Felsen, hier in der Weißlauwe, dort im Köllermelch, auf der Blatten, im Kessel. Alle Tage hütete ich an einem andern Ort, bald sonnen-, bald schattenhalb. Zu Mittag aß ich mein Brötlin und was mir sonst etwa die Mutter verstohlen mitgab. Auch hatt' ich meine eigne Geiß, an der ich sog. Die Geißaugen waren meine Uhr. Gegen Abend fuhr ich immer wieder den nämlichen Weg nach Haus, auf dem ich gekommen war.

 

Vergnügen im Hirtenstand

 

Welche Lust, bei angenehmen Sommertagen über die Hügel fahren, durch Schattenwälder streichen, durchs Gebüsch Einhörnchen jagen und Vogelnester ausnehmen! Alle Mittag lagerten wir uns am Bach; da ruhten meine Geißen zwei bis drei Stunden aus, wenn es heiß war, noch mehr. Ich aß mein Mittagbrot, sog mein Geißchen, badete im spiegelhellen Wasser und spielte mit den jungen Gitzen. Immer hatt' ich einen Gertel oder eine kleine Axt bei mir und fällte junge Tännchen, Weiden oder Ilmen. Dann kamen meine Geißen haufenweis und kafelten das Laub ab. Wenn ich ihnen Leck, Leck! rief, dann ging's gar im Galopp und wurd' ich von ihnen wie eingemauert. Alles Laub und Kräuter, die sie fraßen, kostete auch ich, und einige schmeckten mir sehr gut. Solang' der Sommer währte, florierten die Erd-, Him-, Heidel- und Brombeeren; deren hatt' ich immer vollauf und konnte noch der Mutter am Abend mehr als genug nach Haus bringen. Das war ein herrliches Labsal, bis ich mich einst daran bis zum Ekel überfraß. ... Ebensoviel Freuden brachten mir meist auch meine Geißen. Ich hatte von allen Farben, große und kleine, kurz- und langhaarige, bös- und gutgeartete. Alle Tage rief ich sie zwei- bis dreimal zusammen und überzählte sie, ob ich's voll habe. Ich hatte sie gewöhnt, dass sie auf mein Zub, Zub! Leck, Leck! aus allen Büschen hergesprungen kamen. Einige liebten mich sonderbar und gingen den ganzen Tag nie einen Büchsenschuss weit von mir, und wenn ich mich verbarg, fingen sie alle ein Zetergeschrei an. Von meinem Duglöörle (so hieß ich meine Mittagsgeiß) konnt' ich mich nur mit List entfernen. Das war ganz mein eigen. Wo ich mich setzte oder legte, stellte es sich über mich hin und war gleich parat zum Saugen oder Melken; und doch musst' ich's in der besten Sommerszeit oft noch ganz voll heimführen. Andremal melkt' ich es einem Köhler, bei dem ich manche liebe Stund' zubrachte, wenn er Holz schrotete oder Kohlhaufen brannte.

 

Welch Vergnügen dann am Abend, meiner Herde auf meinem Horn zur Heimreise zu blasen! Zuzuschauen, wie sie alle mit runden Bäuchen und vollen eutern dastunden, und zu hören, wie munter sie sich heimblökten. Wie stolz war ich dann, wenn mich der Vater lobte, dass ich so gut gehütet habe! Nun ging's an ein Melken, bei gutem Wetter unter freiem Himmel. Da wollte jede zuerst über dem Eimer von der drückenden Last ihrer Milch los sein und beleckte dankbar ihren Befreier.

 

Verdruss und Ungemach

 

Nicht dass lauter Lust beim Hirtenleben wäre! Potztausend, nein! Da gibt's Beschwerden genug. Für mich war's lang die empfindlichste, des Morgens so früh mein warmes Bettlin zu verlassen und bloß und barfuss ins kalte Feld zu marschieren, wenn's zumal einen baumstarken Reifen hatte oder ein dicker Nebel über die Berge herabhing. Wenn dann dieser gar so hoch ging, dass ich ihm mit meiner bergansteigenden Herde das Feld nicht abgewinnen und keine Sonn' erreichen konnte, verwünscht' ich denselben in Ägypten hinein und eilte, was ich eilen konnte, aus dieser Finsternis wieder in ein Tälchen hinab. .. Dann [am Abend] fror ich fast noch mehr als am frühen Morgen und empfand Schmerzen an den Füßen, obgleich diese so hart als Sohlleder waren. Auch hatt' ich die meiste Zeit Wunden oder Beulen an ein paar Gliedern, und wenn eine Blessur heil war, macht' ich mir richtig wieder eine andre, sprang entweder auf einen spitzen Stein auf, verlor einen Nagel oder ein Stück Haut an einem Zehen oder hieb mir mit meinen Instrumenten eins in die Finger. Ans Verbinden war selten zu gedenken, und doch ging's meist bald vorüber. Die Geißen hiernächst machten mir, wie schon gesagt, anfangs großen Verdruss, wenn sie mir nicht gehorchen wollten, weil ich ihnen nicht recht zu befehlen verstund. Ferner prügelte mich der Vater nicht selten, wenn ich nicht hütete, wo er mir befohlen hatte, und nur hinfuhr, wo ich gern sein mochte, und die Geißen dann nicht das rechte Bauchmaß heimbrachten oder er sonst ein loses Stücklein von mir erfuhr. Dann hat ein Geißbub überhaupt viel von andern Leuten zu leiden. Wer will aber einen Fasel Geißen immer so in Schranken halten, dass sie nicht etwa einem Nachbarn in die Wiesen oder Weid' gucken? Wer mit so viel lüsternen Tieren zwischen Korn und Haberbrachen, Räb- und Kabisäckern durchfahren, dass keins kein Maulvoll versuchte? Da ging's dann an ein Fluchen und Lamentieren: Bärenhäuter! Galgenvogel! waren meine gewöhnlichen Ehrentitel. Man sprang mir mit Äxten, Prügeln und Hagstecken, einst gar einer mit einer Sense nach, der schwur, mir ein Bein vom Leib wegzuhauen. Aber ich war leicht genug auf den Füßen, und nie hat mich einer erwischen mögen. Die schuldigen Geißen wohl haben sie mir oft ertappt und mit Arrest belegt; dann musste mein Vater hin und sie lösen. Fand er mich schuldig, so gab'; Schläge. Etliche unsrer Nachbarn waren mir ganz besonders widerwärtig und richteten mir manchen Streich auf den Rücken. Dann dacht' ich freilich: Wartet nur, ihr Kerls, bis mir eure Schuh' recht sind, so will ich euch auch die Buckel salben. Aber man vergisst's, und das ist gut. Und dann hat das Sprichwort doch auch seinen wahren Sinn: Wer will ein Biedermann sein und heißen, der hüt' sich vor Tauben und Geißen. So gibt es also freilich dieser und anderer Widerwärtigkeiten genug in dem Hirtenstand. Aber die bösen Tage werden reichlich von den guten ersetzt, wo's dann gewiss keinem König so wohl ist."

 

[Onlineausgabe des "Armen Mann": gutenberg.aol.de/braeker/tocken/tocken.htm.

 

 

Ulrich Bräker (1789): Lebensgeschichte und natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg; Zeitschrift Schweizer Museum





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